Bonn: Julius Weber, Aus den Briefen eines Deutschlandreisenden im Jahre 1828

Wer an einem neuen Wohnort sesshaft wird oder einen touristischen Aufenthalt plant, informiert sich in aktuellen Büchern, in Stadt- und Kulturführern. Wer seine Wahlheimat gefunden hat, wird auch gerne ihre Geschichte kennen, in alten Büchern nachlesen und gelegentlich auch Kurioses finden.  Für alle, die mit solchem Sinn Informationen über Bonn aufnehmen möchten, geben wir nachfolgend einen Textauszug aus Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen, o. N., Stuttgart, 1828 wieder, weitestgehend in der alten Orthographie. 

 

„Einunddreißigster Brief.  Rheinfahrt von Coblenz nach Cöln

Bonn zeigt sich und die schöne Ruine Godesberg, die eine zweite Helena zur Ruine machte, die reizende Agnes von Mansfeld. Der Rhein hat eine seltene Breite, unendliche Reize verbreiten sich an seinen Ufern, und eine Mannichfaltigkeit, die durchaus nichts in dem überraschenden Landschafts-Gemälde fehlen lässt. Die Schiffer lassen die Ruder fallen, mit Gotteshülfe—eilt das Schiff von selbst mit dem schnelleren Strom hinab nach der Castra Bonnensia des Drusus.

 

Bonn ist eine ungemein heitere Stadt von 12,000 Seelen, seit 1268 Residenz der Erzbischöfe Cölns, die als Festung viel auszustehen hatte bis 1717, wo man die Werke schleifte. Unter seinem letzten Fürsten war es für manche die angenehmste Stadt des Rheins, denn Kurfürst Max dachte so helle, wie sein Bruder Kaiser Joseph, und in mancher Hinsicht besser. Mir ist kein Fürst von dieser liebenswürdigen Einfachheit, im Bunde mit Geist, Kenntnissen und ungemein viel Witz bekannt, wie Max gewesen ist. Sicher hielt ihn kein Fremder für den Fürsten des Landes, wenn er ihn in Gesellschaft sah, und noch weniger für den Sohn Maria Theresens; er sprach vom Kaiserhofe und den Bourbons—als ob sie ihn nicht näher angingen als mich. (...) 

 

Das heitere, aufgeklärte Bonn in der schönsten Natur ist ein wahrer Gegensatz des finstern, traurigen Cölns. (..) Nach dem eine Stunde entfernten Godesberg oder Draitsch-Brunnen führt eine Linden-Allee, und am Wege steht ein Gothisches Denkmal, Hochkreuz genannt, über dessen Bedeutung die Gelehrten noch heute nicht einig sind.

 

Max that viel für sein Godesberg, und sicher wäre aus dem Draitsch-Brunnen ein berühmtes Bad hervorgegangen.Weickard sollte Bade-Arzt werden—aber 1794 kamen die Franzosen, und Max sah Bonn und seinen Lieblings-Ort nie wieder. 

Mit ihm erlosch das fröhliche Leben, wozu er so viel beigetragen hatte. Max hatte Kirmessen eingeführt, und in Ansehung der Musik war er ein ächter Wiener, daher er auch viel für den hier gebornen Beethoven that, der sich neben Mozart stellen darf! Max und Bonn bleiben mir unvergesslich! Warum musste der Dämon des Krieges hier alles untereinanderwerfen! 

 

Das schöne Bonn ist jetzt eine Preussische Universität, und die verwaißte Stadt durch den Musensitz so ziemlich entschädigt. Das schöne Schloß, da eine ungeheure Fronte bietet, ist nebst Garten der Universität eingeräumt, und die Savonnerie (Gobelins) nicht mehr, folglich läuft auch kein Reisender mehr Gefahr—eine Seifenfabrik daraus zu machen. 

Poppelsdorf mit Clemensruhe (1/4 Stund) ist botanischer Garten und Tempel der Naturkunde, von wo eine Allee nach dem Kreuzberge führt, wo sonst ein Kloster mit Wallfahrts-Kirche war; die Götter-Aussicht von da konnte keine Revolution rauben. (...) 

Bonns Lage ist ganz geeignet zu einer Universität, die bereits gegen 1000 Schüler zählt, worunter etwa 100 Ausländer seyn werden, die Sammlungen sind reich für eine so neue Anstalt, und selbst eine schöne Sammlung Gyps-Abgüße nach Antiken vorhanden.  Bonn, wo es auch wohlfeil zu leben ist, könnte in diesen Gegenden bei Pressfreiheit doppelt wohltätig wirken, und ewig schade ist, dass ihr hellsehender Wissenschaften und Künste liebender Curator, Graf Selms-Laubach vor der Zeit sterben musste. Über des freisinnigen Arndts Untersuchungs-Sache, der so viele für die deutsche Sache begeisterte, liegt noch dunkel! 

 

Jede Universität sollte in einer schönen Natur liegen, denn sie erhebt und begeistert das Gemüht des Jünglings, und wirkt ganz anders auf das Genie als leere Flächen und Sandwüsten. (...) 

 

Ich bemerke zu Bonn keine Unsittlichkeiten—Preussen hat aber auch ein scharfes Augenmerk auf die Musen, und ihre alten Handwerksmissbräuche—daher viele Rheinländer wie man mir sagte, Heidelberg vorziehen sollen! Die Mutter-Strenge ist aber schon recht. Bonn ist in meinen Augen unsere schönste Universität—zu Bonn (bona castra) gut und wohlfeil wohnen. (...) 

 

Zu Bonn beginnet schon der widrig klingende Niederländische Dialekt. Die Stadt darf sich zwar in Ansehung ihrer Lage mit Coblenz messen, aber Straßen und Häuser scheinen schlechter und kleiner, die Leute aber reden so munter und freundlich, ausgenommen die –Schiffer, die schon weit mehr See-Natur zu haben scheinen, als die um Mainz, und die langen cattunenen Mäntel sind dem weiblichen Geschlecht auch nicht vortheilhaft. 

 

Zu Bonn trank ich meinen Cafee im Cafeehaus zur schönen Aussicht am Rheinthor, und im Goldenen Sterne lag in der Gaststube zu jedermanns Gebrauch—das Conversations-Lexicon. 

(...) 

Von Bonn führt eine fliegende Brücke nach Pröhl, und Vater Rhein eilet noch ziemlich rasch vorüber nach Schwarzrhein und Villich, wo die Sieg mündet. Siegburg mit der berühmten Abtey, jetzt Irrenhaus, liegt auf der Höhe, und hier ruhet der heilige Anno, auf den wir den alten berühmten Lobgesang haben. Sie verdient noch jetzt wegen der Aussicht einen Besuch, und man gelangt über Pützchen dahin, das wegen eines Jahrmarkts und einer Wallfahrt ins Carmeliter Kloster bemüht war, wo es so toll zugieng, dass man es das tolle Pützchen nannte! 

Auch das vormalige adeliche Nonnenkloster Villich liegt auf dem Wege, dessen erste Aebtissin die Gabe hatte, ihre Nonnen die reinste und sonorste Stimme zu verschaffen, mittelst einer—Maulschelle! Wie gut wären solche Aebtissinnen auf unserem Theater, und auch im Hause, Küche und Stall!“(S. 726 ff.)

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