Lernforum Deutsch:
Moderne
chinesische Literatur - Buchbesprechung
Ma Jian, Der Nudelmacher, Taibei: Yuanliu Verlag 1994, 203 Seiten. (Besprochen von Shen Yong Miklitz, Bonn)
Wer einmal einem chinesischen Nudelmacher bei seiner Arbeit zugesehen hat, weiß, dass es eine handwerkliche Kunst ist, wie aus einem Klumpen Teig viele lange, feine Nudeln werden. Ma Jians Roman "Der Nudelmacher" erzählt aber keine Geschichte über die chinesische Nudelherstellung im eigentlichen Sinne. Vielmehr ist es der Autor selbst, der wie ein Nudelmacher seine Fäden zieht, indem er aus dem Tischgespräch zwischen einem "Berufsschriftsteller" und einem "Berufsblutspender", die an einem Wochenende zusammengekommen sind, um zu essen und um sich zu unterhalten, neun teils glaubhafte, teils unwahrscheinliche, meist satirische Geschichten über einige unglückliche Leute im heutigen China gewinnt.
Dabei geht es um existentielle Fragen des Menschen, um Lebenssinn, zwischenmenschliche Beziehungen und die Einschränkung der Freiheit des Individuums durch die Gesellschaft bzw. durch seine Mitmenschen.
Der Roman umfasst neun Kapitel mit jeweils eigenen Überschriften. Jedes Kapitel kann als eine selbständige Kurzgeschichte gelesen werden. Die Romanfiguren tragen selten Namen. Sie werden mit ihren Berufen, ihren Lebenseinstellungen oder wie sie ihre Existenz verstehen in den Kapitelüberschriften bezeichnet. Oft werden sie nur pronominal mit "er", "sie" oder "ich'" in die einzelnen Geschichten eingeführt. Perspektivenwechsel und die offensichtliche Intention des Autors, philosophischen Tiefgang zu erzeugen, können den Leser gelegentlich verwirren.
Der Leser ist aufgefordert, aktiv mitzudenken. Denn "im Grunde nehmen alle am literarischen Prozess teil: der Autor, seine Romanfiguren und der Leser." (S.68) Diese postmodernistisch anmutende Theorie ist im Roman umgesetzt. So trifft man mitten im Text auf eine Anmerkung des Autors oder eine fiktive Anmerkung des Lesers in Parenthese. Es sind überhaupt zahlreiche Passagen des Romans in Parenthese gesetzt. Dabei handelt es sich um Assoziationen und Einfälle des Autors, der Romanfiguren bzw. des fiktiven Lesers. Ma Jian scheint hier dem postmodernistischen Bild des Rhizoms und einer entsprechenden labyrinthartigen Gestaltungsweise gefolgt zu sein. Nur durch aufmerksames Lesen kann man einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Kapiteln erkennen oder vermuten. Manchmal hat man den Eindruck, dass einige Romanfiguren ein und dieselbe Person sind, genauso wie jeder Mensch in seinem Leben je nach Situation eine etwas andere Rolle spielt.
Die Aneinanderreihung von Geschichten vermittelt den Eindruck, als ob dem Autor das Erzählen von Geschichten sehr wichtig sei. Das ist aber nicht so. Denn er sagt selbst:
"Ein Roman hat eigentlich keine Geschichten. Er ist eine Art von zusammengeworfenen, verworrenen Gedanken, die dann entstehen, wenn die Zeit zerschlagen und zerschnitten wird. Die Gedankengänge werden wie bei der Herstellung handgemachter Nudeln immer wieder hin- und hergezogen, bis schließlich aber-tausende von ordentlichen Fäden dabei herauskommen. Es entsteht in den Händen des Nudelmachers ein ganzheitlicher Begriff, der unaufhörlich kommt und geht." (S. 16)
So wird der Leser wohl auch versuchen müssen, den vorliegenden Roman zu verstehen, wodurch er selbst zum "Nudelmacher" wird.
Ma Jian hat in diesem Roman seine Leistung als literarischer Nudelmacher gezeigt. Er versteht es, seine Stoffe zu entfalten. Dabei zieht er viele lockere Fäden hervor, die er sicher in der Hand behält. Einfühlsame Schilderungen der inneren Welt seiner Figuren, kühner, intelligenter Sarkasmus hinsichtlich der Gesellschaft und des Menschen kennzeichnen die Qualität des Autors als Gesellschafts- und Menschenkritiker.
Ziel des Romans ist es wohl, "die Einsamkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Daseins sichtbar" zu machen. (S. 69) Um dies zu erreichen, wendet sich Ma Jian ausschließlich den hässlichen Seiten des Lebens zu. Bei der Behandlung seines zentralen Themas, der zwischenmenschlichen Beziehungen, zeigt er uns Freunde, die ihren Freunden misstrauen und sie verachten. Er zeigt einen Sohn, der seine Mutter ermordet, eine Ehefrau, die ihren Gatten quält, einen Geliebten, der der Geliebten beim Selbstmord zuschaut, einen Vater, der seine Tochter aussetzt, eine Mutter, die ihren Sohn in aller Öffentlichkeit blamiert, und eine Gruppe von Frauen, die am Arbeitsplatz ihre Kollegin fertigmachen, weil sie einen attraktiven Busen hat.
Kann der Mensch in solch einer Welt überhaupt noch weiterleben? Ma Jian vermittelt keine Hoffnung. Besonders im Kapitel "Selbstmörderin oder Schauspielerin" gibt er unüberhörbar den negativen Grundton des Romans an, nämlich durch eine völlig desillusionierte, misanthropisch und stark frauenfeindlich eingestellte Person.
Zwar arbeitet Ma Jian mit viel Witz und Humor, so dass der Leser nicht immer sofort merkt, wie schrecklich das Ganze eigentlich ist. Aber spätestens, wenn er das Buch beiseitelegt und über das Gelesene nachdenkt, kann er eine Gänsehaut bekommen, da die Welt im Lichte dieses Romans als völlig hoffnungslos erscheint und dem Menschen nur zwei Möglichkeiten verbleiben: Selbstmord oder Schauspielerei.
Es lässt sich kaum bestreiten, dass Ma Jian mit diesem Roman eine besondere Kunst als literarischer Nudelmacher bewiesen hat. Aber ob die "Nudeln", die uns der "Nudelmacher" serviert, jedem Leser schmecken, ist fraglich.
verantw. Günther Miklitz, mailto:usa000@uni-bonn.de