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"Bei Fuß!" - Wie man auf Deutsch mit dem Hund spricht
Wer im Lehrberuf damit befasst ist, Ausländern die deutsche Sprache
beizubringen, muß gelegentlich auch bei ungewöhnlichen oder im allgemeinen
wenig beachteten Verständigungsproblemen helfen. Ein Student fragte, was
für eigenartige Worte die Deutschen benutzen, wenn sie mit ihrem Hund
sprechen: lauter Imperative und unvollständige Sätze, wie im folgenden
Zitat:
"Such Weg!" befiehlt der Mann seinem schwarzen
Führhund. Gehorsam führt die Labradorhündin ihren blinden Herrn den
mit Autos zugeparkten Straßenzug entlang, findet eine Lücke und bleibt
an der Bordkante stehen. „Rechts an Bord“, sagt der Mann
ruhig zu ihr,(...) |
Man höre oft auch Befehle wie "Apport!", "Sitz!", "Platz!"
"Fass!", "Aus!" , "Bei
Fuß!" oder "Daun!" Welche Antworten sind in solchen Fällen zu geben? Wie
sieht es hier mit der Grammatik aus? Was für imperative Formen sind
das? Zunächst eine kurze Vorüberlegung: Der Hund ist seit Jahrtausenden
ein treuer Gefährte des Menschen; jedenfalls in den meisten Ländern, wenn
man von China und einigen anderen asiatischen Ländern absieht, wo man -
horribile dictu - den Hund verspeist (Vgl. Hundefleisch-Restaurants
in Süd Korea sowie die englischsprachige Seite von Gegnern des
Verzehrs von Hunden).
Die Deutschen dagegen lieben den Hund als Haustier über alles, zum
Beispiel den immer bellenden Dackel im Vorgarten. Oder den bereits in
Goethes Faust (Buch
hier bestellbar) vorkommenden Pudel, obzwar er dort als Teufel auftritt. Oder in der Philosophie bei
Schopenhauer,
wo er Atman, die Weltseele ist.
Weltberühmt wegen seiner guten Eigenschaften ist der Deutsche
Schäferhund, der als Schutz-, Wach- und Spürhund bei der Polizei und beim
Militär sowie als Führhund bei Blinden Verwendung findet. Damit er den
Befehlen seines Herrn Folge leistet, wird er nach erprobten Regeln erzogen,
dressiert oder abgerichtet.
Die dabei verwendete Sprache ist durch kurze Befehle in Form von
Ein-Wort-Sätzen gekennzeichnet. Da Deutsche Schäferhunde auch in
andere Länder verkauft werden, kann man es erleben, daß selbst in
entferntesten Gegenden der Welt, in denen die deutsche Sprache so gut wie
unbekannt ist, Befehle erklingen wie: "Halt!", "Zurück!", "Fass!".
Nicht wenige deutsche Touristen haben im Ausland solche Befehle als
Beleg für elementare Deutschkenntnisse und Deutschfreundlichkeit zu hören bekommen, wenn sie
vom Gastgeber freudestrahlend, händeschüttelnd
oder schulterklopfend begrüßt wurden: "Sitz!" Bei
Tisch hieß es sodann: "Fass!" Und beim erhobenen
Schnapsglas: "Aus!" Im Inland dagegen ist man sich
bewusst, dass die Befehlssprache im
zwischenmenschlichen Umgang nicht mehr angemessen ist, gleichwohl muss man
mit der "Hundesprache" rechnen, wenn der Vorgesetzte z. B. im Gespräch mit
seinen Protegierten hinter vorgehaltener Hand über einen durch Engagement auffälligen Mitarbeiter raunt:
"Den lassen wir an der langen Leine laufen." Hätte der Mitarbeiter dieses
gehört, würde er vermutlich in Gedanken zumindest
"Hundsgemein!" gerufen haben. Zurück zu den Kurzbefehlen: Historisch gesehen hat natürlich die
Befehlssprache des Militärs zur Ausprägung solcher - inzwischen weltweit
verbreiteter - deutschsprachigen Imperative beigetragen. Aber im
heutigen zivilen Deutschland sind die zitierten Befehle zu einer
Fachsprache zu rechnen. Sie wird in Lehrbüchern für die gute Erziehung von Hunden
und in Hundeschulen empfohlen beziehungsweise angewandt.
In der Sprachwissenschaft, die auch vor der Erforschung der
Kommunikation zwischen Hund und Mensch nicht Halt macht, ist folgende
Formulierung zu finden:
"Hunde können auch mit Menschen
kommunizieren, doch erfordern die Unterschiede in den
bevorzugten Kanälen der Zeichenproduktion und -rezeption gegenseitige
Adaptation und die Schaffung eines gemeinsamen Zeichenrepertoires im
Umgang miteinander."
(Michael
Fleischer, "Kommunikation zwischen Mensch und Hund" in:
Zeitschrift für Semiotik, Jahrgang 1993, Ausgabe 15, Heft
1/2) |
Unter gegenseitiger Adaption ist hier im Hinblick auf
den akustischen Verständigungskanal gemeint, daß der Mensch sich bemüht,
die Bedeutung des Bellens zu erfassen, währen der Hund bei der Abrichtung
dazu angehalten wird, die Sprache des Menschen zu verstehen. Da der Hund
erfahrungsgemäß nur kurze Lautfolgen als Befehle mit bestimmter Bedeutung
erkennt, paßt sich der Mensch dieser Verständigungsbedingung an und
verwendet die als Beispiele gegebenen sprachlichen Signale beziehungsweise
Befehle. Es sind Mini-Sätze, die zumeist nur aus einem Wort bestehen oder aus
einem eigentlich ungrammatischen Satz, in dem etwas fehlt - eine
Erscheinung, die in der Wissenschaft als Ellipse und als Merkmal besonders
emotional engagierter Redeweise bekannt ist.
Wer ganz praktische Hilfen zum Thema sucht,
kann zu folgendem Buch greifen: Hundesprache
verstehen. Was sagt mein Hund? von Brigitte Harries.
Nun ist noch der Befehl "Daun!" zu erklären, was angesichts der
heute weit verbreiteten Anglizismen kein Problem sein dürfte. Es
handelt sich hier um das englische "Down", das aus den englischen
Dressurbüchern in die Fachsprache der deutschen Züchter und Hundeabrichter
übernommen wurde. Bei der Vielzahl von internationalen Einsätzen mit
Schäferhunden ist dies praktisch und für alle leicht verständlich, wenn
dieser Befehl verwendet wird, um den Hund zu veranlassen, sich niederzulegen.
Ebenso der Befehl "Apport!" Er kommt von dem
lateinischen "Apportare" = herbeiholen und wird benutzt, wenn der
Hund zum Beispiel ein fortgeworfenes Stöckchen zurückbringen soll.
So weit die Anforderungen an die "fremdsprachliche
Verstehenskompetenz" des deutschen Hundes.
Der deutsche Mensch dagegen hat es weit schwerer,
denn er muss sich auch mit dem Gesetz befassen und juristische Kompetenz
beweisen, besonders dann, wenn er darauf besteht, einen großen Hund, einen
sogenannten Kampfhund zu halten.
(Vergl.hierzu die
Landeshundeverordnung von Nordrhein-Westfalen).
Ein guter Hundehalter kommt nicht einmal ohne besondere
Phonetikkenntnisse aus. Er soll nämlich sein Sprechen mit dem Hund
im Hinblick auf die Tonhöhe gestalten:
"Ernste
Befehle werden mit tief gestellter Stimme gegeben. Mit tief gestellter
Stimme werden bei uns grundsätzlich die wichtigsten Kommandos
"Fuß", "Hier" und "Platz"
ausgesprochen. "Sitz" sage ich dagegen mit hoher Stimme. Es
kommt meist nicht so genau darauf an - er soll nur einen Moment warten
- und die Unterscheidung von "Platz" ist dadurch
klarer. Alle anderen Kommandos werden mit normaler Stimme gegeben.
Im Prinzip respektiert der Hund wie der Wolf und der Mensch tiefe
Stimmlagen mehr als hohe."
(Siehe auch die übrigen ausgezeichneten
Informationen zur Hundeerziehung auf der hier zitierten Web-Site.) |
Dass es für Hunde gelegentlich sogar humorvolle Anweisungen
in lyrischer Form gibt, sei nur am Rande und zum Abschluss eines Beitrags erwähnt,
der sich hoffentlich gut eignet, während der Hundstage
gelesen zu werden, wenn die Sommerhitze allzu anspruchsvolle geistige Betätigungen
nicht ratsame erscheinen läßt. In diesem Sinne beschließen wir unsere Ausführungen
mit einem ganz irdischen Aspekt des Themas, den der geneigte Leser mit dem nötigen
Humor aufnehmen möge.
Ein Student legte dem Sprachkurs ein
"Prachtexemplar" solcher "Hunde-Lyrik" zur Deutung vor.
Rein sprachlich verlangt ein darin auftretendes
grammatisches Phänomen der Erläuterung: Passivbildung eines eigentlich nicht
passivfähigen Verbs zur Bildung einer "energischen Aufforderung"
(vgl. Drosdowski, Günther (Hrsg.); Grammatik der der deutschen
Gegenwartssprache, Mannheim 1984, S. 183) nach dem Muster "Es wird hier
geblieben!" Die Erfassung der Wortbedeutung dürfte im Einzelfall
nicht ohne die Hilfe des Lehrers möglich sein, wenn es z. B. um das Verstehen
des Wortspiels geht.
Die inhaltliche Beschäftigung mit diesem Gedicht und die mögliche,
ins Interkulturelle reichende Frage, ob in urbanen Populationen wie Bonn
möglicherweise gehäuft solche oder ähnliche Sonderformen in der
Mensch-Hund-Kommunikation vorkommen, gehört sicherlich nur in die erwähnte
Zeit der Hundstage.
Sehen Sie selbst: "Lieber
Hund"
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