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Günther Miklitz Die Montaigne-Essays in der ersten modernen Gesamtübersetzung von Hans Stilett und ihre Botschaft für die Schule im Internetzeitalter Übersicht: - Das
Buchereignis des Jahres 1998 Das Buchereignis des Jahres 1998 Nach über zehnjähriger Arbeit hat
der Übersetzer Hans Stilett die Essays von Michel de Montaigne in
modernem Deutsch vorgelegt. Der Eichborn-Verlag hat in seiner von
Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe "Die andere Bibliothek"
dieses Werk in prächtiger Austattung zum Vorzugspreis von 98,- DM
herausgebracht. In den Medien sprach man von dem Buchereignis des
Jahres. Im Frühjahr 1999 stellte Hans Stilett seine Übersetzung mit
einer Lesung im französischen Kulturinstitut in Bonn vor. Es wurde
Rotwein ausgeschenkt, der Übersetzer las und Ein persönlicher Beweggrund: Korbach - Bordeaux Aber auch ohne diese sympathische Public- Relations -Veranstaltung gab es für den persönlichen Erwerb des Buches einen Beweggrund. Er geht zurück auf folgenden Perspektivenwechsel in der eigenen Biographie: Als junger Lehrer am nordhessischen Gymnasium "Alte Landesschule" in Korbach hatte ich 1975 die Gelegenheit, im Rahmen eines Hospitationsprogramms der Kultusminister (vgl. Pädagogischer Austauschdienst der KMK, Hospitationsprogramme) drei Wochen lang den Unterrichtsbetrieb an einer Schule in Südfrankreich kennenzulernen, und zwar am Lycée de Montaigne in Bordeaux. In dieser Stadt war Montaigne bekanntlich während seiner politisch aktiven Zeit Bürgermeister gewesen, bevor er sich auf sein nahe gelegenes Landgut zurückzog, um sich ganz seinen Studien zu widmen. Ein Blick in die durch zahlreiche
Auflagen inzwischen weithin bekannte "Kleine Weltgeschichte der
Philosophie" von Hans Joachim Störig informierte mich damals über
Montaigne und die Zeit des Humanismus und der Renaissance im 15. und 16.
Jahrhundert: Lektüre des französischen Textes Da in deutscher Sprache nur
veraltete und von der Fachwissenschaft als fehlerhaft und schlecht
bezeichnete Übersetzungen (von Daniel Tietz aus dem Jahre 1753 und von
Johann Bode von 1997-99) vorhanden waren, blieb nichts anderes übrig,
als die Lektüre des französischen Textes zu versuchen, und zwar anhand
der Taschenbuchausgabe von Pierre Michel (2), die auch einen
Anmerkungsteil mit Erläuterungen enthält. "Schulmeisterei" , "Knabenerziehung" und anti- autoritäre Pädagogik Damals, im Jahre 1975, als mit der Theorie von der anti-autoritären Erziehung die Pädagogik von manchen, die jetzt hohe Ämter innehaben, als Hebel für gesellschaftliche Veränderung verstanden wurde, waren zwei Montaigne-Essays von besonderem Interesse, und zwar "Über die Schulmeisterei" und "Über die Knabenerziehung". Sie dürften bis heute für Lehrer und Schüler gleichermaßen lesenswert sein, zumal Montaigne selbst über die Erfahrung einer ungewöhnlichen Erziehung verfügte: Sein Vater ließ ihn von einem deutschen Hauslehrer unterweisen, der mit ihm nur Lateinisch sprach. ("Ohne System und Buch, ohne Grammatik und Lehrplan, ohne Ruten und Tränen hatte ich (...) ein Latein gelernt, das an Reinheit dem meines Lehrers nicht nachstand (...)." (3) Montaigne gibt dem heutigen Leser in diesen Essays eine kritische Bewertung der Pädagogik seiner Zeit. Gleichzeitig korrigiert die Lektüre die irrige Vorstellung von einer gering zu achtenden Rolle des Lehrers. In dem Essay "Über die Knabenerziehung" findet man neben dem Hinweis auf seine Hauslehrererziehung mit Latein als Erstsprache (4) sowie neben zahlreichen Anmerkungen zur pädagogischen Unterweisung auch einen bemerkenswerten Abschnitt über das Schüler- Lehrerverhältnis mit der Ablehnung einer autoritären Erziehung, die den Lehrer in den Mittelpunkt stellt und nicht den Schüler. "Eintrichtern" und "die Ohren vollschreien" Zunächst gibt Montaigne unter
Verwendung des Bildes vom Eintrichtern des Wissens - ein Verfahren, das
in Deutschland als Lernen mit dem Nürnberger Trichter bekannt ist - eine
kritische Bestandsaufnahme. Er wirft den Lehrern vor, sie
würden den Kindern von klein auf unablässig die Ohren vollschreien und
ihnen etwas eintrichtern, das sie dann nur wiederzugeben hätten:
"Den Schüler die Gegenstände erproben lassen" Er möchte, daß man dies
korrigiert, indem der Lehrer, entsprechend der Fassungskraft der ihm
anvertrauten Seele, den Schüler von Anbeginn die Gegenstände
erproben, einschätzen, auswählen und unterscheiden läßt, manchmal, indem
er ihm den Weg weist, manchmal, indem er ihn den Weg selbst einschlagen
läßt: Er möchte nicht, daß der Lehrer
alleine den Stoff heraussucht, die Themen bestimmt und alleine spricht,
sondern daß er stattdessen seinem Schüler zuhört und ihn sprechen
läßt: "Die Autorität der Lehrenden schadet meistens den Lernenden" Am Endes dieses Abschnitt zitiert
er sodann Cicero, wobei er darauf hinweist, daß Sokrates und nach
ihm Arcesilaos immer zuerst ihre Schüler sprechen ließen, bevor sie
selbst das Wort ergriffen. Die Autorität der Lehrenden schade
meistens den Lernenden: Die Übersetzung des Abschnitts von Hans Stilett Hans Stilett hat diesen Abschnitt
wie folgt übersetzt: Dies ist zweifellos eine sehr gut gelungene Übersetzung, textnah und modern zugleich. Der Leser bleibt selbst aufgefordert, was nach seinem Geschmack und nach seiner eigenen Einschätzung vielleicht in der Wortwahl, im Satzbau und in der Grammatik (Konjunktiv) noch eleganter ins moderne Deutsch zu übertragen wäre. Wolfgang Hörner bezeichnet in
seiner Rezension (10) Man kann natürlich nicht sagen, daß eine Schülerrevolte, die einige Jahre später an der Schule ausbrach (12), von einem aus Frankreich importierten kritischen Geist inspiriert war. Aber immerhin wird die europäische Dimension im Schulwesen selbst in der nordhessischen Provinz in Form von heimatgeschichtlichen Spuren sichtbar, die eine lebhafte länderüberschreitende Kommunikation im Bildungswesen des ausgehenden 16. Jahrhunderts belegen. Was diese lebendige Kommunikation heute angeht, so könnte man auf die vielfältigen Kontakte zwischen deutschen und französischen Schulen hinweisen, die uns im Informationszeitalter so leicht gemacht werden. Aber trotz neuer Informationstechniken sind heute, im Jahre 1999, die beiden beiden angesprochenen Schulen, das Korbacher Gymnasium genauso wenig wie das Lycee Montaigne in Bordeaux, im Internet mit einer Web-Seite vertreten. - Aktualisierung im Jahr 2000: jetzt sind sie beide da, Lycee Montaigne, Bordeaux und Alte Landesschule, Korbach. Bücherwissen und fehlende Lebenstüchtigkeit Kommen wir nun zu dem Essay "Über die Schulmeisterei" (Du Pedantisme), der eine wahre Streitschrift gegen die Unsitte des Faktenpaukens und der bloßen Buchgelehrsamkeit ist. Im Anschluß an Aristoteles wirft er die Frage auf, ob die Schulmeister möglicherweise wegen zu großer Gelehrsamkeit an Lebenstüchtigkeit zu wenig hätten und deshalb ein materiell kümmerliches Dasein führten. "Je quitte cette premiere raison, et crois qu`e ìl vaut mieux dire que ce mal vienne de leur mauvaise facon de se prendre aux sciences; et que a la mode de quoi nous sommes instruits, il n`est pas merveille si ni les ecolier, ni les maitres n`en deviennent pas plus habiles, quoiqu`ils s`y fassent plus doctes. De vrai, le soin et la depense de nos pere ne vise qu`a nous meubler la tete de science: du jugement et de la vertu, peu de nouvelles." (13) Falsche Unterrichtsmethode, fehlende Urteilskraft und Tugend Montaigne glaubt nicht, daß das Fehlen an Tüchtigkeit und Lebensklugheit durch zu große Gelehrsamkeit verursacht ist, sondern an der falschen Art und Weise liegt, wie die Lehrer sich den Wissenschaften widmen. Und was die Unterrichtsmethode angeht, sei es ganz und gar nicht schön zu sehen, wenn weder die Schüler noch die Lehrer davon fähiger würden, sonder bloß gelehrter. Es gehe der älteren Generation nur darum, uns den Kopf mit Bücherwissen voll zu stopfen - von Urteilskraft und Tugend dagegen keine Spur! Textabschnitt in der Übersetzung von Hans Stilett Hans Stilett hat diesen Textabschnitt wie folgt übersetzt: "Jene erste Erklärungsmöglichkeit, nach der die Abstumpfung der Schulmeister von zuviel Studium und Stoffhuberei kommen könnte, lasse ich also fallen und glaube, es ist zutreffender zu sagen, daß sie von ihrer falschen Weise kommt, sich mit den Wissenschaften zu befassen, und daß man sich bei der Art, auf die wir unterrichtet werden, gar nicht zu wundern braucht, wenn weder Lernende noch Lehrer dabei gescheiter werden, sondern allenfalls gelehrter. In Wahrheit zielen Sorge und Aufwand der Väter bei uns auf nichts anderes ab, als den Kopf der Kinder mit Bücherschränken zu möblieren; von Urteilskraft und Tugend hingegen - kaum ein Wort." (14) Jetzt bei Amazon.de bestellen! Montaigne in der Informationsgesellschaft Die zitierten Textstellen bezeugen, daß die Essays von Montaigne auch heute noch dazu beitragen können, die alltägliche Unterrichtssituation mit dem oft schon zur Routine gewordenen pädagogische Handeln einer in die Jahre gekommenen Lehrergeneration kritisch zu sehen. Die kritische Bewertung von Unterricht, Methode und Rolle des Lehrers wird bei Montaigne ergänzt durch eine sympathische Achtung, ja geradezu Hochschätzung, der Aufgabe des Lehrers, denn er hält die Erziehung der Kinder für die schwierigste aller Wissenschaften. Es sei leicht, ein Pflanze zu säen, aber die aufgegangene Pflanze zu pflegen und gedeihen zu lassen, das verlange viel mehr. (15) Durch die Übersetzung von Hans Stilett wird Montaigne erfreulicherweise einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht. Wer die Essays von Montaigne liest, muß sich darauf einstellen, daß der Gedankengang oft assoziativ entwickelt und mit zahlreichen Beispielen aus antiken Quellen angereichert wird. Dabei wird der Leser von einem selbstbewußten Autor geführt, der dazu anregt, dem Verstand und der eigenen Urteilskraft zu vertrauen und getrost Gebrauch zu machen von dem, was in den Büchern zu finden ist. In der modernen Wissensgesellschaft, in der es immer leichter wird, durch Einsatz der modernen Kommunikationstechniken ganze Datenbanken für die eigene Argumentation heranzuziehen, werden Montaignes pädagogische Überlegungen zur Verwendung fremder Gedanken ganz aktuell. Er lehnt es als Diebstahl ab, ein fremdes Konzept zu übernehmen, seine Herkunft zu verbergen und es als das eigene auszugeben. Es sei ungerecht und niederträchtig, wenn jemand aus Mangel an eigenen Gedanken mit denen anderer seinen Ruhm zu begründen suche. Aber er befürwortet die seriöse Nutzung des Bücherwissens und gibt durch reichen Gebrauch von Zitaten selbst das beste Bespiel dafür. Gleichwohl möchte er nicht in Anspruch nehmen, großes Wissen zu besitzen, und er sieht sich nicht in der Lage, anderen Wissen zu vermitteln. Ein Schuljunge der untersten Klasse könnte mehr wissen als er, und er würde ihn nicht prüfen können. Aber er würde ihm gleichwohl Fragen vorlegen, die auf den Beweis seiner natürlichen Urteilskraft abzielten. (16) Das ist mehr als ein Topos der Bescheidenheit. Er betont damit, daß für ihn die Urteilskraft wichtiger ist als die Anhäufung von Faktenwissen. Wer möchte bezweifeln, daß es bis heute in der Schule Pädagogen gibt, die im Alltag das Memorieren von Fakten über das Denken stellen. Gerade heute, angesichts einer tendenziell zu jeder Zeit und an jedem Ort vorhandenen Zugriffsmöglichkeit auf universell vorhandenes Wissen, kommt es immer mehr auf die Fähigkeit zur Bewertung und Verarbeitung der Informationen gemäß eigener Konzepte an. Leider steht uns im Internet aus verständlichen Gründen die moderne Gesamtübersetzung der Montaigne-Essays nicht zur Verfügung, auch keine moderne Übersetzungen in englischer oder französischer Sprache, soweit ich sehe. Da gerade diese Essays wegen ihres facetttenreichen Gehalts interessante Möglichkeiten der elektronischen Aufbereitung bieten, wäre es wünschenswert, alsbald auf dem Medienmarkt eine entsprechende CD-ROM angeboten zu bekommen. Immerhin hat der Eichborn- Verlag eine Leseprobe ins Netz gestellt. in der Montaignes Reflexionen über Leben und Tod jene philosophische Grenzgängerschaft zeigen, die Shakespeares Hamlet so modern macht. Literaturangaben Copyright 1999 by
Günther Miklitz |