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| "Bist du nicht normal? - Eine Fallanalyse aus dem DaF-Anfängerunterricht mit spanischen Viertklässlern (G. Miklitz, Erstveröffentlichung in: Der deutsche Lehrer im Ausland, 4/87, S. 137ff.) 1. Situation Nach dem ersten Halbjahr Deutschunterricht mit spanischen Viertklässlern an der Deutschen Schule Barcelona hatte ich an einem Spätnachmittag gerade den Unterricht beendet und die Klasse nach Hause entlassen. Aus der Parallelklasse, die ebenfalls Schulschluss hatte, kamen vier Kinder herbei, die mir offenbar etwas sagen wollten. Ich sprach sie freundlich an, indem ich bemüht war, Wörter zu benutzen, die sie aus den Anfangslektionen kennen mussten. Bekannt war die Formel "Hallo, wie geht`s?". Sie antworteten freudestrahlend: "Danke, gut, und Ihnen" - ganz wie sie es gelernt und wohl schon hundertmal geübt und angewendet hatten. Und sogleich versuchten sie, etwas neu Gelerntes anzubringen. Es klang - mit etwas Unsicherheit verratender Fragemelodie - etwa so: "Bisdenchtnma?". Dabei freuten sie sich ganz herzlich. Ich dachte, dass das etwas Lustiges sein müsse und entschloss mich, es als "Bist du nicht normal?" zu interpretieren, im Stillen rätselnd, was für Sätze der Kollege da in der Parallelklasse die Kinder lernen lässt. Etwas zurückhaltend antwortete ich: "Doch, ich bin normal." Fragende Gesichter. Sie verstanden mich nicht. Aber da sagte auch schon einer auf Spanisch: "Hasta la proxima vez!" - "Bis zum nächsten Mal!" übersetzte ich. Da lachten wir alle zusammen und freuten uns, dass wir uns verstanden hatten. Ich sprach ihnen den Satz langsam und deutlich vor. Sie wieder holten Wort für Wort, wobei sie richtig begierig waren, es ganz genau nachzusprechen - und das, obwohl der Unterricht doch schon zu Ende und ich gar nicht ihr Lehrer war. Nach ein paar Versuchen hatten sie es geschafft. Die vier kleinen Gesellen legten sich die Arme um die Schultern und marschierten fröhlich davon, indem sie im Chor laut und immer wieder im Rhythmus wiederholend übten: "Bis zum nächsten Mal!" 2. Analyse Man muss fragen, ob nicht die Schüler verständlicher gesprochen hatten, als es von mir wahrgenommen wurde. Es ist bekanntlich so, dass wir in einer bestimmten Situation gegenüber den zu uns Sprechenden mit einer gewissen Erwartungshaltung zuhören und zum Teil nur das aufnehmen, worauf wir durch unsere Erwartungshaltung vorbereitet sind. Vielleicht lag der Fehler, der zum Missverständnis führte, mehr bei mir, beim Hörer, als bei den Schülern, den Sprechern. Auf der ersten Erwerbsstufe haben die Kinder noch beträchtliche Schwierigkeiten mit der Aussprache. Sie haben viele typische Laute und Lautverbindungen des Deutschen, die in ihrer Muttersprache nicht vorkommen, kennengelernt und können weitgehend richtig nachsprechen, wenn sie das Neue isoliert als Einzellaut oder als Wort zur Übung vorgesprochen bekommen. Wenn aber mehrere Schwierigkeiten in einer Äußerung auf der Satzebene zusammentreffen, dann gelingt den jungen Lernern die richtige Äußerung nicht. Ihre muttersprachlichen Strukturkenntnisse und Artikulationsgewohnheiten sowie Teile des bereits beherrschten fremdsprachlichen Materials kommen bei der angesteuerten fremdsprachlichen Äußerung negativ zur Wirkung. a) Muttersprachliche Interferenzen Auf der Wort- und Satzebene bietet unser Satz "Bis zum nächsten Mal!" keine Interferenzprobleme, wenn man vom Genusunterschied einmal absieht. Bei der Gegenüberstellung von "Hasta la proxima vez!."/ "Bis zum nächsten Mal." liegt syntaktische und semantische Übereinstimmung vor. Dementsprechend fällt es leicht, die Bedeutung zu erfassen. Auch situativ und kulturell besteht Übereinstimmung. Schwierigkeiten jedoch bereitet die Aussprache. Da das Deutsche mit größerer Artikulationsspannung gesprochen wird als das Spanische, d.h. mit mehr Muskelarbeit bei der Einstellung des Sprechapparates für bestimmte Laute, hat der spanische Schüler Ausspracheprobleme. Es ist für ihn schwer, die Laute /ts/, /m/ und /t/ korrekt nachzusprechen. Ein lautliches Ungetüm ist für ihn die Kombination von /c+s+t/ zusammen mit dem auslautenden /n/. (Im Auslaut werden /m/ und /n/ oft verwechselt. Selbst im Spanischen hört man für den bekannten Eipudding "Flan" die Varianten /flan/ und /flam/.) Im übrigen sind im Spanischen die Laute /ts/ und /c/ als Phoneme nicht vorhanden. b) Interferenzen aus schon bekannten Strukturen der Fremdsprache Bei der Verarbeitung neuen Materials können die Kinder schon auf Bekanntes zurückgreifen, in unserem Fall auf schon bekannte deutsche Laute und Wörter. Der Lippensprenglaut /b/ wird im Anfangsunterricht intensiv geübt. Bekanntlich gibt es diesen Laut im Spanischen nicht als einen mit vergleichbarer Muskelspannung artikulierten Laut. Der /c/-Laut wird intensiv geübt. Die Strukturen "ich bin - du bist - bis du?" sowie "ich bin nicht" kommen in der Anfängerphase häufig vor. Auch sagt der Lehrer immer wieder "Bitte, noch einmal!" Daher ist es gar nicht verwunderlich, dass die Schüler bei der Entschlüsselung des neu Gelernten auf diese bekannten Strukturen zurückgreifen und "bisd" anstatt "bis" realisieren. "Nächsten" wird als etwas ähnliches wie "nicht" interpretiert, denn den bereits gelernten /c/-Laut hören sie heraus, auch in der Verbindung mit /t/ (in "nicht") ist er ihnen schon geläufig. Das /s/ wird gehört, aber in der Schüleräußerung kommt es nicht an der richtigen Stelle vor. Das mag daran liegen, dass die Lautverbindung des Wortes "nächsten" im Spanischen nicht existiert. Die Koartikulation des Lautes /s/ im hier geforderten Kontext funktioniert nicht. Auf dieses Problem stößt man im Anfangsunterricht immer wieder. Einzellaute werden beherrscht, wenn sie isoliert gesprochen werden, nicht aber im Lautkomplex. c) Interferenzen durch Intonation und Akzent Im spanischen "Hasta la proxima vez." liegt der Satzakzent auf dem letzten Wort. Oder etwas vorsichtiger ausgedrückt - denn im Bereich von Intonation und Satzakzent muss man mit einer gewissen Variationsbreite rechnen-, die beiden letzten Wörter unterscheiden sich in der Stärke der Akzentuierung nicht wesentlich. Im Deutschen dagegen liegt der Akzent deutlich auf dem Wort "nächsten". 3. Didaktische Überlegungen Ist es empfehlenswert, den Satz "Bis zum nächsten Mal." auf der frühen Spracherwerbsstufe anzubieten? Aus zwei Gründen ist diese Frage zu bejahen: Die Äußerung hat als Teil der Verabschiedungsfloskel hohen Häufigkeitswert und Echtheitsgrad in der Schüler-Lehrer-Redesituation. Außerdem stimmt der Satz mit seiner spanischen Entsprechung syntaktisch und semantisch überein. a) Ausspracheübungen Der Satz wird zerlegt, man läßt Wort für Wort einzeln nachsprechen. Beim Vorsprechen kann der phonetische Wert der einzelnen Einheiten überdeutlich kommen. Ein gewisses Maß an Hyperkorrektheit ist zulässig, denn wenn die Kinder besonders deutlich gesprochene Äußerungen hören, können sie im Wahrnehmungsprozess die einzelnen phonetischen Werte erkennen und eine innere Repräsentation der phonetischen Struktur des Wahrgenommen gewinnen. Bekanntlich geht das richtige Hören dem richtigen Sprechen voraus. Oft beobachtet man, dass die Kinder eine richtige phonetische Absicht haben, dass ihnen aber die artikulatorische Verwirklichung nicht gelingt (Linell 1979, S. 217ff). Die übergenaue Segmentierung einzelner Laute und ihre übergenaue Aussprache werden später automatisch abgebaut. Linell weist auf den Muttersprachenerwerb hin und schlägt vor, teils sprachbedingte, teils veranlagungsbedingte Reduktionsmechanismen anzunehmen, die es dem Kind ermöglichen, sich der Erwachsenennorm anzunähern. Vom Einzellaut geht man zu den Wörtern und dann zu Wortverbänden über, um die ganze Satzäußerung zu erreichen. Die Satzäußerungen sollten vom Ende her aufgebaut werden. Dabei muß der genaue phonetische Wert der Äußerung von jedem Schüler genau erkannt werden, d.h.,die lexikalischen Einheiten sind innerhalb des Satzes phonetisch zu segmentieren. b) Mögliche Übungsformen Substitution: "Tisch." "Bis zum nächsten Mal." --> Bis zum nächsten Tisch. Reduktion: "Bis zum ...Tisch/Stuhl/Buch. - Zum ... Tisch/Stuhl/Buch. Nachsprechübung mit Spiel: (Etwas weitergeben lassen) "Zum nächsten; zum ersten/zweiten". Kognitive Grammatik: Tafelbild, Verdeutlichung, dass die in Frage kommenden Substantive maskulin und neutrum sind. Die Wörter werden mit den entsprechenden Artikeln angeschrieben.
Anmerkungen: 1) Per Linee, Psychological Reality in Phonology, Cambridge 1979. 2) Sacha Felix (Hrsg.), Second Language Development, Trends and Issues, Tübingen 1980. 3) Brunhild Bauer, Jürgen Wolff, Spanische Schüler, deutsche Lehrer, Sprachvergleich als Hilfe für den Anfängerunterricht, Düsseldorf 1977. 4) Walfried Rausch,"Negative Interferenzen im morpho-syntaktischen Bereich beim spanisch-deutschen Spracherwerb" in: DdLiA, 78, S. 16 - 21. 5) Stockwell u.a., The Grammatical Structure of English and Spanish,
Chicago 1965.
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