Lernforum Deutsch:
        Moderne chinesische Literatur in Deutschland


        Ouyang Jianghe (China) "Schreiben als Bestrafung der Inspiration"

         - Shen Yong Miklitz, Bonn -

        Der chinesische Dichter und Literaturkritiker Ouyang Jianghe wurde 1956 in Luzhou, Provinz Sichuan, geboren. Er gehört zu der Gruppe "Sichuan-Wu-Junzi" (Die fünf Edlen von Sichuan). Sie ist zeitlich nach der hierzulande bekannteren Dichtergruppe der obskuren oder hermetischen Lyriker (z.B. Bei Dao, Yang Lian, Duo Duo und Gu Cheng) hervorgetreten. Man rechnet sie daher auch zu den post-obskuren Lyrikern. Ouyang Jianghe war vom Februar bis August 1997 Gast der Akademie "Schloß Solitude" in Stuttgart.

        "Zur Dämmerung drückt sich der Junge in ein Gebüsch / Er lauscht dem Innenleben von Insekten, was er hört in Wahrheit / ist die Welt jenseits der Insekten: das Innenleben von Maschinen zum Beispiel."

        Mit diesen Zeilen beginnt das Gedicht "Was geht, was bleibt", das Ouyang Jianghe zu Beginn seines Deutschlandaufenthaltes niederschrieb. Er wählte es zum Titelgedicht seines gerade im August diese Jahres im Chinesischen erschienenen neuen Gedichtbandes. Thema des Gedichts ist das genaue Hinhören.

        Dies ist auch das Hauptthema seines auf "Solitude" geschaffenen und noch nicht ganz abgeschlossenen Werkes "Papierhandschellen". Darin verarbeitet er eine persönliche Begegnung mit einem ehemaligen Gefängnisinsassen, dessen Vater Künstler im Papierfalten war. Der Mann hat ihm von seinem Schicksal während der Kulturrevolution Anfang der 70er Jahre erzählt. Als Jugendlicher habe er aus Mangel an anderem Papier ein mit Maos Porträt bedrucktes Blatt genommen, um einen Vogel zu falten. Daraufhin sei er als Verräter des Maoismus zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im Gefängnis habe er als Strafe aus Papier gefertigte Handschellen tragen müssen, die er nicht zerreißen durfte. Wenn dies aber - z.B. beim Schlafen - passierte, habe er zwei 30 Kilo schwere Handschellen aus Eisen bekommen. Über die Jahre habe er eine große Angst vor Papier und dem Geräusch von zerreißendem Papier entwickelt.

        Auf den ersten Blick versteht man dieses Werk als politisch. Aber nach den Aussagen des Autors geht es ihm um mehr als die Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. Er habe nicht nur das Leid dieses Gefangenen beschrieben, sondern versucht, durch Sich-Hineinversetzen in diese Person und durch Nachempfinden auch eine eigene intensive emotionale Situation zu beschreiben. Er befrage damit seine Neigung zur empfindlichen Reaktion auf Papier, die schon ein Tick sei. Vermutlich stecke in jedem Menschen eine verborgene und undefinierbare Angst, die Realität werden könne. Vielleicht könne er damit seine persönliche, aber auch die geistige Situation seiner Generation verdeutlichen. Er nehme damit Bezug auf die materielle Welt, die seiner Meinung nach in der zeitgenössischen Literatur zu kurz komme.

        Die Papierhandschellen seiner Geschichte erzeugten Angst, weil dahinter die Bedrohung durch schwere eiserne Handschellen stand. Wer diese Bedrohung nicht kenne, könne die Bedeutung der Papierhandschellen nicht verstehen. Sein eigentliches Thema sei das genaue Hinhören auf die Geräusche, die beim Zerreißen des Papiers entstehen. Es sei eine Art des Hinhörens, wodurch er das dahinter verborgene Eisen erfahren könne.

        Im Gespräch mit der Verfasserin hat der Autor betont, daß er jedem politischen System skeptisch gegenüberstehe. Darin liege auch ein Unterschied zwischen ihm und der Gruppe der obskuren Lyriker, die im Westen sogleich auf offene Ohren stießen, da sie eine in den zeitgenössischen Trend passende Gesellschaftskritik vertraten. Sein Anliegen hingegen sei das Schreiben selbst. Während viele Dichter das Schreiben als pubertäre Äußerung von Inspiration in einem Moment der Erhellung praktizierten, sehe er in seinem Schreiben einen Vorgang, in dem das reifere Nachdenken des mittleren Alters zum Tragen komme. Damit sei eine gewisse Intellektualität verbunden und dazu gehöre auch die Wahrnehmung des in der westlichen und chinesischen Literatur Überlieferten. Der beim Dichter im Augenblick der Inspiration hervorgerufene gleißende Schein der Emotion werde durch sein reiferes Schreiben gedämpft und geradezu ausgelöscht. Deshalb sei sein Schreiben gleichsam eine Bestrafung der Inspiration.

        Hinweis auf deutsche Veröffentlichungen:

        Bai Hua, Zhang Zao, Ouyang Jianghe, "Die Glasfabrik. Gedichte chinesisch-deutsch", übersetzt von Susanne Göße und Peter Hoffmann, hrsg. von Valerie Lawitschka, Paul Hoffmann, Jürgen Wertheimer in der Schriftenreihe "Lyrik im Hölderlinturm", Tübingen 1993.

        Ouyang Jianghe u. a., Chinesische Akrobatik - Harte Stühle. Gedichte chinesisch-deutsch, Auswahl und Übersetzung von Susanne Größe, mit Lithographien von He Duoling und Zeichnungen von Andreas Schmid, hrsg. v. Susanne Göße und Valerie Lawitschka, Tübingen 1995.

        Hansgerd Delbrück (Hrsg.), Dem Dichter des Lebens. Gedichte für Paul Hoffmann von Ilse Aichinger bis Zhang Zao, Tübingen 1997. 


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