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Schock der Heimat nach dem Auslandsaufenthalt - Günther Miklitz - Die Rückkehrproblematik wird unterschiedlich erfahren. Es gibt
Fachkräfte, denen es nur mit Mühe gelingt, sich wieder in die
festgelegten Strukturen der deutschen Berufs- und Lebenswelt einzufinden.
Draußen war das Leben für viele eine interessante Herausforderung,
gekennzeichnet durch ein besonderes Maß an Eigenverantwortlichkeit und
kreativer Improvisation in der Arbeit sowie im Privatleben. Der eine erlebt die Rückkehr als Schock, weil er angesichts von politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik plötzlich meint, in einer "Bananenrepublik" zu sein. Der andere dagegen erlebt seine Rückkehr als Rückkehr in die Heimat einer Kulturnation, für die er in dem Bewusstsein hinausgegangen war, etwas für das Ansehen und die Attraktivität des eigenen Landes zu tun. Wer aus Ländern der Dritten Welt zurückkehrt, wird sich oft bewusst, dass man in Deutschland in fast schon unanständig anmutenden Konsumverhältnissen lebt, in denen das neue Auto und die zahllosen Brot- und Käsesorten wichtiger sind als menschliche Wärme, Freude und Spontaneität in der Alltagsbegegnung. Es scheint, die Sachwerte seien den Deutschen wichtiger als Menschen. Nicht selten findet ein Entwicklungsexperte, der aus dem afrikanischen Busch zurückkehrt, dass der eigentliche Ungeist von Gegenaufklärung, eine Art von Magie, nicht in Afrika, sondern in unserer Gesellschaft zu beklagen ist, und zwar in Form von Statussymbolen und Karrieredenken. Während die Menschen in den Entwicklungsländern gezwungen sind, in einer Welt ohne Verordnungen, Lebenshilfen und vorgefertigte Annehmlichkeiten den Alltag zu bewältigen, scheint das bundesdeutsche Leben durch ein Sich-Abschotten gegenüber dem anderen und durch ein Fehlen von Lebenstüchtigkeit und Selbstbewusstsein gekennzeichnet zu sein. Das wird als Ausdruck innerer Unsicherheit interpretiert. Wer die Welt nur als perfekt geregelte erträgt, hat offenbar Angst vor dem ursprünglichen Leben. Um seine Unsicherheit und Angst zu kaschieren, strebt er nach Regeln und Ordnungen und dämmt alle Spielräume für Improvisation ein. In einer Diskussion über die Rückkehrproblematik sagte ein aus Peru Zurückgekehrter, es fehle ihm in Deutschland an Optimismus, Freiheit und Abenteuer, und er sehe seine eigentliche Heimat woanders. Deutschland sei für ihn nurmehr Herkunftsland. Er sei jetzt dort "verheimatet", wo er bestimmten Menschen ganz nah gewesen ist. Sein Herz gehöre nun der Heimat "draußen". Allerdings musste er sich kritisch fragen lassen, ob er sich mit seiner individualpsychologischen Betrachtungsweise nicht in bürgerlich-akademischen Überbauproblemen verlor. Können wir uns solche Luxusreflexionen leisten, während in vielen Ländern der Dritten Welt die sozialen und politischen Strukturen unakzeptabel sind und eine immer bedrohlichere "Entwicklung zur Unterentwicklung" zu beobachten ist? Ein Hochschullehrer, der selbst nie "draußen" war und eine Gruppe von Rückkehrern wohl heimlich als wehleidig eingestuft hatte, machte den Vorwurf der geistigen Provinzialität, die er in einer gewissen Oberflächlichkeit und im Fehlen von gesellschaftlichem Engagement sah. Aus der Sicht des Auswärtigen Amtes ergibt sich zum Entsende- und Rückkehrmodus folgende sachliche und rationale Einschätzung bzw. Auffassung. Wer als Beamter des auswärtigen Dienstes hinausgeht, hat bereits zu Beginn seiner Laufbahn seine geographisch uneingeschränkte Einsatzbereitschaft erklärt. Das Prinzip der Rotation, also des Wechsels von einem Dienstort zum anderen nach bestimmten Zeitabständen wird mit der Fürsorgepflicht des Dienstherrn begründet. Über die Hälfte der Dienstorte liegen in gesundheitsgefährdenden Regionen. Hinzu kommen die Risiken von politischen Unruhen, kriegerischen Auseinander- setzungen und allgemeiner Kriminalität. Daher gibt es für das Festhalten am Prinzip der Rotation Sicherheitsgründe als Argument. Außerdem soll eine zu starke Assimilation an das Gastland vermieden werden. Vom Bediensteten werden Belastbarkeit und Flexibilität verlangt. Er soll sich "draußen" bewähren und anschließend seine Rückkehr meistern. Draußen wie drinnen ist der Rückkehrer Angehöriger des öffentlichen Dienstes, der seinen Pflichten nachzukommen hat. Für den Diplomaten resultieren Schwierigkeiten bei der Rückkehr aus der Ambivalenz des Berufes. Mit Beendigung seiner Tätigkeit im Ausland entfallen Vorrechte und Immunitäten, das Sozialprestige sinkt, oft muss er mit Einsamkeit, Unzufriedenheit, Unrast und Anpassungsschwierigkeiten fertig werden. Im Vergleich mit den Problemen, die die Menschen in anderen Ländern haben, erscheint vieles im Heimatland als unecht. Zudem gibt es die typische Sehnsucht, wieder ins Ausland zu wollen. Für alle Rückkehrer gilt die banale Feststellung, dass sie in ein Land zurückkehren, das sich verändert hat. Gleichzeitig haben sie sich selbst verändert. Darin liegt eine Chance. Statt der Resignation zu verfallen, sollte der Rückkehrer in täglicher Kleinarbeit versuchen zu vermitteln, was er im Zusammenleben mit den Menschen anderer Völker als wertvoll erlebt hat und was er in neuen Zusammenhängen gelernt hat, kritisch zu sehen. Seine Chance liegt in der persönlichen geistigen Unruhe, die Anregungen vermittelt und neue Erkenntnisse ermöglicht. (Erstveröffentlichung in: Der deutsche Lehrer im Ausland, Heft 3,
1984, S. 40 - 42)
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