| Lernforum Deutsch - Bonn Buchbesprechung
Martin Walser, Tod eines Kritikers, Suhrkam Verlag, Eine Elementarregel der Literaturkritik sagt: Konzentrier dich auf das Buch, schweif nicht ab und lass dich
auch nicht durch den medialen Kontext, in dem es erschienen ist, ablenken.
Aber wie kann man ein Buch besprechen, das bereits vor seinem
Erscheinen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Hass-Werk und als
antisemitische Beleidigung von Marcel
Reich Ranicki - je nach Gusto Deutschlands Star-Kritiker oder
Literatur-Papst - verurteilt
wurde? Der im Jahr 2002 erschienene Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin
Walser hat in der Medienlandschaft Furore gemacht; und fast zum
Jahresausklang deutete sein Autor in einem Interview des Hamburger
Magazins „Stern“ an, dass ihn die Angriffe auf seinen Roman fast das
Leben gekostet hätten. Die
an ihm und an seinem Roman geübte Kritik sei kaum zu ertragen gewesen,
weitere Angriffe hätte er nicht ausgehalten:
„Dann wäre ich weg, wäre wahrscheinlich nicht mehr hier.“
Der Leser dieses Romans muss zwangsläufig seinen Blick hin und her wenden:
von der Vorverurteilung des Romans und von der darauf folgenden
Diskussion, in der das Buch als Satire und Parodie etikettiert wurde, bis
hin zur Selbstinterpretation des Autors, der sein Werk als „unglücklich
verlaufene Liebesgeschichte“ bezeichnet.
Ist das Buch antisemitisch? Ist
es eine gelungene Parodie? Ist
es ein Stück lesenswerte Literatur? Die erste Frage ist eindeutig mit Nein zu beantworten. Oder erlaubt eine
Stelle auf Seite 10 des Romans eine andere Einschätzung?
Dort heißt es, dass die Romanfigur Hans Lach
den Protagonisten und
Literaturkritiker Ehrl-König verbal angegriffen habe: „Herr Ehrl-König
möge sich vorsehen. Ab heute nacht wird zurückgegschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders
mit Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden
ausgelöst, schließlich sei allgemein bekannt, dass Andre Ehrl-König zu
seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust.“ Marcel Reich-Ranicki sah in der Romanfigur des Ehrl-Königs einen Angriff
auf seine Person, denn sie ist mit Attributen und Allüren ausgestattet,
die zu ihm passen könnten: Ehrl-König ist Star-Kritiker, er hat einen
Sprachfehler. Dieser Ehrl-König charakterisiert sich selbst in einer Rede, die in
indirekter Form wiedergeben wird. Er
räsoniert über die Romanfigur Hans Lach (Achtung: keine
Rechtschreibfehler, sondern Wiedergabe eines Sprachfehlers.) „Er sei ja, das könne Martha nicht wissen, mit Hans Lach befereundet, er
schätze ihn als einen außerordentlich begabten Schscheriftstellerrr, in
der keleinen und der keleinsten Form gelinge ihm gelegentlich durchaus
Gutes, manchmal sogar Vorzügeliches, aber im Roman:
eine Enttäuschung nach der anderen. Er kann alles mögliche, unser
Hans Lach, aber das, was er offenbar am liebsten tut, am ausdauerndsten
tut, erzählen, das kann er nicht, das kann er ums Verrecken nicht. Und
das einem Fereund zu sagen, liebe Marthaa, das tut weh.
Aber der Keritiker hat, wenn er Keritiker ist, weder Fereund noch
Feind. Seine Sache ist, solange er urteilt, die deutsche Literatür.
Wenn er, Ehrl-König, ein paar Tage hintereinander deutsche
Gegenwartsliteratür lesen müsse, beneide er die Leute von der Müllabfuhr.
Wie elegant schwingen die die Kübel voll des übelen Zeugs hinauf
zum Schelucker, schwupps, und weg ist das Zeug, der Kübel wieder leicht
und leer, aber wie lange habe er, der Keritiker, zu würgen und zu
gacksen, bis er so einen deutschen Gegenwartsroman dort habe, wo der
hingehört, in den Müll.“ S.
40 f. Ehrl-König
verschwindet unter mysteriösen Umständen, eine Blutspur nährt den
Mordverdacht, der auf Hans Lach fällt.
Lach landet in der Psychatrie. Später
stellt sich heraus, dass der Kritiker nicht ermordet wurde, sondern nur
deshalb von der Bildfläche verschwand, weil er sich für einige Zeit mit
einer Geliebten davon gemacht hatte. Die
Romanfigur Julia Pelz-Pilgrim, Verlegergattin, Anhängerin eines
Sektenkults (Saturn) und Verehrerin von Hans Lach, äußert über den
Kritiker: „Er war die Macht, und
die Macht war er. Und wenn
man wissen will, was Macht ist, dann schaue man ihn an:
etwas Zusammengeschraubtes, eine Kulissenschieberei, etwas Hohles,
Leeres, das nur durch seine Schädlichkeit besteht, als Drohung, als
Angstmachendes, Vernichtendes. Sie habe mitgekriegt, wie viele Schräubchen
Ehrlkönig drehte und drehen ließ, bis er der Koloß war, vor dem alle in
die Knie gingen. Und das mit
Namen der Literatur. Im Namen
Lessings, Goethes. Nicht im
Namen Hölderlins.“ Er
sei ein Opfer seiner eigenen Macht geworden. (S.
76) Eine
weitere weibliche Romanfigur, Lydia Streif, ergänzt die
Charakterisierung: „Dann
habe Bernt (ihr Mann) Ehrl-König nur noch beschimpft, habe ihn ein Michelin-Männchen
genannt, einen Fürsten der Aufgeblasenheit, eine Marionette der Egomanie,
eine Fernsehlarve und der Totengräber der deutschen Literatur.2 (S. 79) Der
Roman leuchtet etwas in den Literaturbetrieb, in die Welt der Verhältnisse
von Verleger und Autor, von Medienmacht und Erfolg. Wer kein Insider dieses Betriebes ist, kann die Realität, die damit gemeint sein soll, nur erahnen. Gegen
Ende des Buches wird es toll. Es
geht in die Psychiatrie, wo eine als Literatur intendierte
Tonbandmitschrift deftige
Worte zutage bringt. Darin
werden die bekannten Fernsehrituale der Literaturkritik in grober Übertreibung
aufs Korn genommen. Wenn man
den Roman zu Ende gelesen hat, nicht ohne langen Atem, dann hat man die
Gewissheit, dass es sich um eine Satire handelt und dass bestimmte
Personen des deutschen Literaturbetriebes parodiert werden.
Ob man dafür auf über 200 Seiten allerhand intellektuelle Übungen,
die durchaus eines akademischen Seminars würdig wären, rezipieren muss,
erscheint fraglich. Wegen
seiner etwas gedrechselt wirkenden Sprache mit verschachteltem Satzbau und
indirekter Rede schafft der Autor Distanz zum Erzählten, aber wohl auch
zu nicht wenigen Lesern. Soll man
das Buch lesen? Ja, denn
sonst versteht man nicht das Theater, das vor und nach seinem Erscheinen
darum gemacht wurde. Es steht
außer Frage: Im „Tod
eines Kritikers“ geht es um den Umgang mit Literatur in der modernen
Mediengesellschaft. Diese
Parodie sollten diejenigen, auf die angespielt wird,
ertragen können. Günther
Miklitz
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